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Turmgespräch „Eine Skulptur entsteht“ mit Bernd Stöcker

September 23 14:00 - 15:00

Bildhauer Bernd Stöcker spricht über seine Arbeiten.
Ausstellung im Turm

 

Die Renaissance der Figur (von Bernd Stöcker)

Wenn in diesem Text von Kunst die Rede ist, so meine ich den Begriff: Bildende Kunst. Bei der Vielzahl der Deutungen ist es ratsam, diesen Begriff näher zu umreissen.zum lesbaren Seismographen, Der Kunstmarkt fordert natürlich immer etwas Neues, und sei es noch so vordergründig.

Beim Patinieren 2Bildende Kunst ist für mich der Ausdruck des individuellen Gefühls des Künstlers zum Gesamten. Ob gewollt oder ungewollt spiegelt sich in seinem Kunstwerk das Verhältnis des Subjekts, des Künstlers, zum Objektiven, der Welt, wider. Indem im Kunstwerk, z.B. im Bild oder einer Skulptur, dieses Verhältnis in einer Form vergegenständlicht ist, wird es nicht nur für den Künstler, sondern auch für den Betrachter zur Ortung der eigenen Situation.Im Begriff Bildende Kunst stecken zwei Bedeutungen. Zum einen „bilden“ im Sinne von schöpfen oder herausarbeiten und zum zweiten „sich bilden“, etwas erfahren oder auch mitgeteilt bekommen.Ich wage zu behaupten, dass heutzutage Bildende Kunst wieder mit Inhalt gefüllt werden sollte. Dies erreicht man bildnerisch nicht mit erhobenem Zeigefinger moralisierend, auch nicht mit Festlegungen und Begrenzungen der künstlerischen Formensprache auf abstrakt, autonom oder neuerdings auf innovativ.

Die Erwartung, Neue Medien führen zu neuen FormStöcker_Gluten und die führen zum neuen Denken, kennzeichnet Eindimensionalität und frönt einer vordergründigen Neuheitssucht.  Gestalterische Freiheit und Können machen sich nicht an einer bestimmten Technik fest. Anders ist vielleicht überraschend, aber auch nicht automatisch besser.  Der Wunsch nach Bildender Kunst im eigentlichen Sinne kommt nicht aus einer pädagogischen Motivation, sondern aus einer existenziellen Situation. Die eigene Ortung des Individuums in der heutigen Welt erscheint mir notwendiger denn je. Es hat also nichts mit Narzissmus oder einer formalen Neorenaissance zu tun, dass Anlass genug besteht für eine Renaissance der Figur. Eine Renaissance der Figur umfasst zwei Gesichtspunkte: den subjektiven des Bildhauers und den objektiven seiner Zeit. Für den Bildhauer sind die Möglichkeiten in der Gestaltung der Figur auch heute noch unerschöpflich. Ähnlich dem Ballett ist in der Bildhauerei der Körper in seinem Charakter, seiner Gestik, seiner Bewegung und seiner Haltung Ausdrucksträger.

Unbenannte Anlage 00034Die vielfältigen Mittel bei der Realisierung einer Figur: die Wahl des Materials, die räumliche Komposition oder auch die Art und Struktur der Oberfläche geben dem Bildhauer eine große Freiheit, das zu gestalten, was ihn bewegt. Nicht nur der Mensch für sich ist darstellbar, sondern auch sein Verhältnis zu anderen und eben auch sein Verhältnis zur Natur. Das Verhältnis von Mensch und Natur in einer bestimmten Zeit, welches sich im Kunstwerk ausdrücken kann, führt zu objektiven Aspekten einer Renaissance der Figur.

Im Jahr 2000 schlugen der Atmosphärenforscher Paul Crutzen und der Biologe Eugene F. Stoermer vor, die Bezeichnung Anthropozän für ein neues Erdzeitalter einzuführen, welches das Holozän ablöst. Damit soll deutlich gemacht werden, dass die Menschheit seit 1800 mit Beginn der Industrialisierung zum geologischen Faktor geworden ist.

Der Einfluss des Menschen ist seitdem signifikant: Artensterben durch Monokulturen, Überfischung der Gewässer, globale Erwärmung, Versauerung der Ozeane, Ozonloch und Plastikmüll in den Ozeanen. Hier kann es nicht darum gehen, ein Schreckensszenario zu entwerfen, sondern deutlich zu machen, dass sich darin auch eine Krise des Denkens offenbart. Der Mensch ist Handelnder und schafft die Erde neu – im schlechten wie im guten Sinne. Das Bewusstsein des Menschen hinkt dem technischen Fortschritt hinterher. Das Verhältnis von Mensch und Natur muss neu gedacht und neu gesehen werden. Der Begriff Anthropozän wurde gewählt, um zu zeigen, dass Entwicklungen nicht zwangsläufig so sein müssen. Der Mensch hat auch die Freiheit, verantwortlich mit seinen Grundlagen umzugehen . Es kann nicht darum gehen, die Kunst (auch nicht mit den besten Absichten), vor den politischen Karren zu spannen. Der Künstler und Bildhauer hat heute in der Gesellschaft und in seiner Arbeit ein großes Maß an Freiheit, die er nutzen kann. Die Figur im weitesten Sinne wieder in den Blickwinkel der bildhauerischen Arbeit zu stellen, wäre an der Zeit.

 

 

Details

Datum:
September 23
Zeit:
14:00 - 15:00

Veranstaltungsort

Café im Turm
Baron-Riederer-Straße 46
Schönau, 84337
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